50 Jahre Plattdeutscher Krink Segeberg

Beitrag der Segeberger Zeitung am 23. Juli 2011:

100 Jahre Landwirtschaftsschule in Bad Segeberg

Die Landwirtschaftsschule in Bad Segeberg, an der Hamburger Straße feiert am 23. Oktober 2011 ihr 100-jähriges Bestehen. Mit diesem Beitrag soll an die wechselvolle Geschichte dieser Schule erinnert werden. Die ersten 75 Jahre der Schule beschrieb der ehemalige Direktor der Landwirt-schaftsschule, Landwirtschaftsdirektor Hans Reimers, in seiner Chronik  „75 Jahre Landwirtschaftsschulen im Kreis Segeberg

I. Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle

Gründung
Mit der Aufhebung des Flurzwanges, der Feld-Gemeinschaften in den Amtsbezirken und der Leib-eigenschaft in den Gutsbezirken ab Mitte des 18. Jahrhunderts, also vor 250 Jahren, entwickelten sich die Grundlagen für den freien landwirtschaftlichen Unternehmer, der anfangs allerdings noch ohne jegliche fachliche Fortbildung auskommen musste.
Bereits 1895 gründeten regionale landwirtschaftliche Vereine im Kreis Segeberg den
„Landwirtschaftlichen Kreisverein“. Ziel war es, die Bildung im ländlichen Raum zu fördern und die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse in die landwirtschaftliche Praxis zu übertragen. Die praktische Unterweisung alleine genügte nicht mehr. Für jeden Landwirt, so meldet das Segeberger Kreis- und Tageblatt am 30.08.1911, ist es erforderlich, sich genügend Kenntnisse in allen Zweigen der Landwirtschaft anzueignen.
Bis 1911 besuchten viele Bauernsöhne aus dem Kreis Segeberg die Landwirtschaftsschulen in Bad Oldesloe, Elmshorn oder Hohenwestedt. Diese Schulen waren zunehmend überlastet und nahmen vorzugsweise Schüler aus den eigenen Kreisen auf. So stellte die Stadt Segeberg am 01.03.1907 den Antrag beim Kreis Segeberg, eine landwirtschaftliche Winterschule einzurichten. Nach eingehender Überprüfung der Tragfähigkeit der Einrichtung führte der Antrag im Herbst 1911 zur Gründung einer landwirtschaftlichen Winterschule in Segeberg. Der Segeberger Kreistag beschloss bereits am 30.04.1909 die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Winterschule zum 01.10.1910. Der Staatszu-schuss betrug 2.500 Mark, der aber erst im Jahr 1911 in den Staatshaushalt der Provinz eingeplant werden. Also verschob sich die Schuleröffnung auf den Herbst 1911. Am 07.03.1910 wählte der Kreistag ein Kuratorium für die landwirtschaftliche Winterschule, dem der jeweilige Landrat des Kreises Segeberg bis zur Schließung der Landwirtschaftsschule als selbständige Dienststelle zum 31.12.1998 vorstand. Zum 01.01.1999 wurde die Landwirtschaftsschule in die Berufliche Schule des Kreises Segeberg integriert.
Am 01.10.1911 wurde die Stelle des Direktors der neu errichteten Winterschule vom Kreis Sege-berg ausgeschrieben. Das Kuratorium entschied sich für den aus Dithmarschen stammenden Dr. Hinrichs, der die Schule bis zu seiner Amtsenthebung durch die Nazis in 1934 leitete. Nach wech-selnden teilweise kommissarisch eingesetzten Leitern wurde die Schule nach dem II. Weltkrieg durch Dr. Hugo Suhr (1951-1962), Hans Reimers (1962 –1990) und Ernst Walter Meyer (1990-1998) geleitet.
Am 23. Oktober 1911 war es dann endlich soweit. Die Winterschule des Kreises Segeberg wurde mit 47 Schülern im Obergeschoß des Restaurants „Harmonie“ an der Hamburger Straße eröffnet. Damit war die Tragfähigkeit gegeben.
„Den Landwirten ist damit die beste Gelegenheit gegeben, ihrem Nachwuchs eine gründliche theo-retische Ausbildung in der Landwirtschaft zu teil werden zu lassen“, schrieb damals das Segeberger Kreis- und Tageblatt.
Der Kreis Segeberg war damals Schulträger, der Landrat Dienstvorgesetzter der Lehrer. Der Kreis übernahm die Personalkosten der Lehrkräfte. Die Landwirtschaftskammer bezuschusste den Schul-betrieb und übernahm die Pensionen der Lehrer.
Schüler bezahlten 50 Mark pro Halbjahr Schulgeld. Die Form der Winterschule, wenn auch später ohne Schulgeldzahlung, wurde erst 1999 in die Ganzjahresschule umgewandelt.
Im Herbst 1920 gründete man eine zweite Landwirtschaftsschule in Kaltenkirchen, die 1986 mit der Bad Segeberger Schule zusammengelegt wurde.
Ab 1921 übernahm die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein die Trägerschaft der Landwirt-schaftsschule. Damit war die Präsenz der Landwirtschaftskammer in den Landkreisen über die Landwirtschaftsschulen und ihre ehrenamtlichen Repräsentanten, die Kreisbauernvorsteher gesi-chert. Am 1.1.1999 übernahm. der Kreis Segeberg wieder die Verantwortung für die Landwirt-schaftsschule, wie schon in den ersten zehn Jahren nach der Gründung.

Gebäude
Der Schulbetrieb wurde als zweisemestrige Winterschule im Obergeschoss des Restaurants „Har-monie“ in der Hamburger Straße 64 aufgenommen. Aus der „Harmonie“ zog die Landwirtschafts-schule 1932 in die neue Imkerschule in der Burgfeldstraße, deren Eigentümer die Landwirtschafts-kammer war. Nach 1945 fand der Unterricht bis 1952 in fünf verschiedenen Gebäuden statt: in der Dahlmannschule, in der Imkerschule an der Burgfeldstraße, in den Gasthöfen „Am Kalkberg“ und „Ratsschänke„ und zuletzt in einer Baracke auf dem Grundstück des heutigen Finanzamts an der Theodor-Storm-Straße.
1951/52 baute der Kreis Segeberg unter der Leitung des Kreisbaudirektors Peter Eberwein mit dem Bauunternehmen Specht und der Zimmerei Rohlf an der Hamburger Straße eine Landwirtschafts-schule. Seit dem 23. April 1952 wird in dieser Schule die agrarische Ausbildung und Weiterbildung unter einem Dach betrieben. In den ersten Jahren tagte sogar der Segeberger Kreistag in der Aula des neuen Gebäudes.

Die Arbeit der früheren Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle
Mit dem 01. April 1929 wurde aus der Winterschule eine Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsbe-ratungsstelle mit erweitertem Bildungsauftrag. Damit erweitere sich der Aufgabebereich um Be-rufsausbildung, Fachschulunterricht, Fortbildung und Beratung.
In der Berufsausbildung oblag es den Lehr- und Beratungskräften, die Auszubildenden zu betreuen und die Ausbildungsbetriebsleiter zu beraten. Die Berufsabschlussprüfungen wurden durch die Landwirtschaftsschule vorbereitet und durchgeführt. In der Fachschule wurden und werden die jungen Landwirte nach der landwirtschaftlichen Lehre und dem Berufsabschluss zum/r Staatlich geprüften Wirtschafter/in ausgebildet. Etliche hatten in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts keine Lehrzeit absolviert und somit auch keinen Berufsabschluss. Absolventen der Landwirtschaftsschule konnten bzw. können in einem zweiten Schuljahr die Höhere Landbauschule besuchen und machen den Abschluss zum Staatlich geprüfte/r Landwirt/in. Heute schließen die landwirtschaftlichen Fachschüler die Zweijährige Fachschule als Staatlich geprüfter/e Agrarbetriebswirt/in ab. Mit diesem Abschluss besteht die Möglichkeit für erfolgreiche Absolventinnen oder Absolventen, das Studium der Agrarwissenschaften an der FH Kiel, Osterrönfeld oder der CAU in Kiel aufzunehmen.
Die Hauswirtschafterinnen besuchten von 1926 bis 1993 in Segeberg die Wirtschafterinnen-fachklasse und verließen sie als Staatlich geprüfte Wirtschafterinnen der ländlichen Hauswirtschaft.
Diese Ausbildung konnte in Hademarschen zur Staatlich geprüften Hauswirtschafsleiterin fortge-setzt werden.

Fortbildung und Beratung waren Weisungsaufgaben des Landes Schleswig-Holstein. Die Fortbildung wurde in Zusammenarbeit mit den früheren „Ehemaligenvereinen“ oder heutigem Verein für landwirtschaftliche Fachschulabsolventen (vlf Bad Segeberg und Kaltenkirchen) durch-geführt. Im vlf sind ehemalige Schüler der Landwirtschaftsschule Bad Segeberg und der ehemali-gen Schule in Kaltenkirchen organisiert.
Die Themen der im Winter stattfindenden Versammlungen entsprechen den aktuellen Entwicklungen in der landwirtschaftlichen Praxis und dem Informationsbedarf in den landwirtschaftlichen Unternehmen. Die Beratung wurde bis 1998 von den Lehr- und Beratungskräften, den Wirtschaftsberatern und den sozioökonomischen Beratern in Fragen der Betriebswirtschaft, der landwirtschaftlichen Produktion und des landwirtschaftlichen Bauwesens durchgeführt.
Schwerpunkte der Hauswirtschaftlichen Abteilung waren eine gesunde Ernährung und eine moderne Haushaltsführung. Hier wurden bis 1998 auch die Geschäfte der Kreislandfrauen geführt.
Es galt die Einheit von Schule und Beratung. Praxis und Schule profitierten vom Wissenstransfer in beiden Richtungen. Der Ruf einer Landwirtschaftsschule hing oder hängt auch heute noch maßgeblich von der Praxisnähe des Unterrichts ab. In den Jahrzehnten der europäischen Einigung seit Abschluss der Römischen Verträge 1957 haben die Landwirtschaftsschulen und Wirtschaftsberatungsstellen die Entwicklung der Betriebe in Schleswig-Holstein im Zuge der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik durch praxisnahe schulische Weiterbildung und Beratungsimpulse maßgebend beeinflusst.
Diese Aufgabe wurde seit Mitte der siebziger Jahre zunehmend durch Spezialberatungsringe in An-passung an die Spezialisierung und das Wachstum der landwirtschaftlichen Betriebe übernommen. Die Spezialberatungsringe wurden in der Regel auf Initiative der Landwirtschaftsschulen gegründet. Der Direktor oder fachlich zuständige Lehr- und Beratungskräfte führten nach der Gründung die Geschäfte der Ringe und gaben auch hier wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Beratungsarbeit.
Auch im Kreis Segeberg entstanden spezielle Beratungsringe für die Rindviehhaltung, für die Schweinehaltung und ein Maschinenring zur Förderung der überbetrieblichen Maschinennutzung.
Mit der Verwaltungsstrukturreform des Landes Schleswig-Holsteins im Jahre 1998 und der Auflö-sung der Landwirtschaftschulen und Wirtschaftsberatungsstellen endete am 31.12.1998 die über Generationen bewährte Einheit von Schule und Beratung in der Schulträgerschaft der Landwirt-schaftskammer Schleswig-Holstein.

II. Zeiten des Wandels - 1990 bis heute

Veränderte Rahmenbedingungen
Mit dem Beginn des letzten Jahrzehnts im vergangenen Jahrhundert haben sich die Menschen in unserem Land, ja weltweit,  mit dem Aufbruch in der Nachkriegsordnung auseinandersetzen müs-sen. Die Grenzen zwischen Ost und West öffneten sich. Deutschland erlebte innerhalb eines Jahres die Öffnung der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990. Damit wurden fundamental neue Voraussetzungen für landwirtschaftliche Strukturen geschaffen. Das „1.000-ha/1.000 Kühe-Unternehmen“ wurde zur Entwicklungsperspektive für manchen landwirtschaftli-chen Unternehmer.
Die Mac Sharry-Agrarreform von 1992/93 leitete die schrittweise Abkehr von der Agrarpolitik der produktorientierten Preisstützung durch Interventionspreise ein. Agrarprämien, die zunächst pro-duktorientiert dann entkoppelt von der Produktion gezahlt wurden, sollten die Absenkung der ad-ministrativ festgelegten Preise ausgleichen und den Mehraufwand ausgleichen, der durch die Be-achtung von zusätzlichen Umwelt- und Naturschutzvorgaben entsteht. Dieser Prozess wird bis 2013 eine regionale Einheitsprämie bewirken, die an die Einhaltung weiterer Umweltauflagen (Cross Compliance) gebunden sein wird.
In dieser Zeit musste sich auch die Landwirtschaftsschule den Anforderungen der praktischen Landwirtschaft stellen. Die Beratung der Landwirte in Fragen der Prämienantragstellung und der Prämienoptimierung wurde ab 1993 zu einem Musterbeispiel für den gelungenen Transfer von neuen Entwicklungen in die Praxis.

Der Unterricht
Nach 1990 wurden die Lehrpläne für die Landwirtschaftsschulen in Schleswig-Holstein überarbeitet und den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen in Umweltfragen und der Spezialisierung in den landwirtschaftlichen Betrieben angepasst.

Stundentafel der Einjährigen Fachschule (Landwirtschaftsschule) aus 2004

Unterrichtsstunden
auf 40 Wochen bezogen
Fachrichtungsbezogener Lernbereich 
Betriebswirtschaftslehre 6,0
Tierische Erzeugung 6,0
Pflanzliche Erzeugung 6,0
Technik und Bauwesen 4,0
Fachrichtungsübergreifender Lernbereich 
Agrarpolitik und Marktlehre 4,0
Englisch 2,0
Natur und Umwelt  2,0
Betriebsleitung-Training/Pflichtwahlfächer 4,0
Summe 34,0

Die Stundenzahl je Woche hat sich seit 1911 nicht verändert. Die damalige Stundentafel enthielt mehr allgemeinbildende Fächer: Deutsche Sprache, landwirtschaftliches und bürgerliches Rechnen, Geometrie, Feldmessen, Gesetzeskunde, Physik, Chemie, Pflanzenkunde, Tierkunde, Volkswirt-schaftslehre, Ackerbaulehre, Düngerlehre, Spezielle Pflanzenbaulehre, Obstbau, Tierzucht, Tier-heilkunde, Betriebslehre und Buchführung. Der Schulabschluss wurde bis 1998 durch den Besuch von zwei Winterhalbjahren mit Unterricht von Ende Oktober bis Ende März erreicht (Winterschule). Seit 1999 wird die Landwirtschaftsschule in einem Schuljahr vom 01. August bis zum 31. Juli abgeschlossen. Seit 1998 besteht die Möglichkeit nach diesem ersten Fachschuljahr ein weiteres Jahr in der höheren Landbauschule anzuhängen. Damit erreicht der Schüler den Abschluss als „Staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt“.

Schülerentwicklung und Standortkonzept 1993 – Die Landwirtschaftsschule bleibt
Die Schülerzahlen (Unter- und Oberklasse) schwankten im 20. Jahrhundert sehr. 1911 begann das erste Semester mit 47 Schülern. Nach dem I. Weltkrieg stieg die Zahl in den Jahren 1920 bis 1922 auf über 130 Schüler. Nach dem II. Weltkrieg besuchten 1946 und 1947 über 200 Schüler die Landwirtschaftsschule. Die Zahl halbierte sich 1951 auf etwa 100 Schüler und stieg bis 1956 wieder auf etwa 150 Schüler.
Danach bis Anfang der achtziger Jahre kamen nur noch 50 bis 75 Schüler, bedingt durch den zu-nehmenden Strukturwandels nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Bis 1985 erholte sich der Schulbesuch auf 125 Schüler
Ab 1986 gingen die Schülerzahlen deutlich auf nur noch 34 Schülerinnen und Schüler in 1992/93 zurück.
Auf diese landesweite Entwicklung musste das Land Schleswig-Holstein reagieren. Der Landes-rechnungshof hatte im Dezember 1992 in den „Mitteilungen über die Organisationsprüfung bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein“ vorgeschlagen, die Landwirtschaftsschulen und Wirt-schaftsberatungsstellen von vierzehn auf sechs zu reduzieren. Bad Oldesloe sollte erhalten werden. Bad Segeberg sollte nach Meinung des LRH aufgegeben werden!
Dieser Empfehlung wollte sich das zuständige Landwirtschaftsministerium in Kiel unter Minister Hans Wiesen zunächst anschließen.
In einer Vielzahl von Aktionen setzten sich die Landwirte im Kreis Segeberg unter tatkräftiger Mitwirkung der landwirtschaftlichen Ausbildungsbetriebe in Zusammenarbeit mit dem Kreisbau-ernverband und seinem Vorsitzenden Joachim Schümann vehement in der Öffentlichkeit und in mehreren sehr sachbetonten Gesprächen im Landwirtschaftsministerium für ihre Schule ein. Die eindeutige Zusage des damaligen Landrates Georg Gorrissen und das einstimmige Votum des Se-geberger Kreistages am 18. März 1993, der Landwirtschafts-kammer als Schulträger weiterhin die benötigten Liegenschaften zur Verfügung zu stellen, stärkte die Position Bad Segebergs entschei-dend.
Weitere Argumente für den Standort Bad Segeberg waren u. a. die Verkehrsanbindung und die starke agrarische Ausrichtung des Kreises Segeberg. Sie überzeugten und wurden im Konzept des Ministeriums berücksichtigt.
Am 26. Oktober 1993 wurde die Entscheidung zur Erhaltung der Landwirtschaftsschule
Bad Segeberg im Rahmen des Standortkonzeptes landwirtschaftliche Fachschulen des Ministe-riums für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei der Öffentlichkeit mitgeteilt.
Es kam in der Folge zu zahlreichen Schulschließungen in Schleswig-Holstein. Die Höhere Land-bauschule wurde 1998 von Lensahn nach Bad Segeberg verlagert. Die fachschulische Weiterbildung erfolgt heute nur noch in Bredstedt, Rendsburg und Bad Segeberg unter dem Dach der jeweils zuständigen Kreisberufsschulen oder demnächst Berufsbildungszentren.

Die Krise der Landwirtschaftskammer und der Wechsel der Schulträgerschaft

Mit der Standortplanung 1993 sollte die Anpassungsfähigkeit des agrarischen Bildungssystems an neue gesellschaftliche Entwicklungen und sich ändernde agrarsektorale und gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen im Hinblick auf interne und externe Schulstrukturen gewährleistet bleiben. Diese verklausulierte Zielformulierung konnte man als Hinweis auf eine mögliche Abtrennung der Landwirtschaftsschulen von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein verstehen.
Die Schulaufsicht im Landwirtschaftsministerium hatte von der Landwirtschaftskammer in ihrer Eigenschaft als Schulträger mehr Unterstützung in der Vorbereitung des Standortkonzeptes erwar-tet. Die Landwirtschaftskammer wollte im Kern aber alle vierzehn Standorte erhalten, Der Konflikt war damit unvermeidlich geworden.
Am 11. Oktober 1994 tritt Uwe Nissen, der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer
zurück. Der Direktor der Landwirtschaftskammer, Dr. Peter Otzen, habe Gespräche ohne Wissen des Präsidenten und des Vorstandes mit Wirtschaftsminister Peer Steinbrück über eine Auflösung des Landwirtschaftsministeriums geführt und damit sein Amt für politische Zwecke missbraucht. Er wolle mit seinem Rücktritt ein Zeichen setzen, so Uwe Nissen in der Segeberger Zeitung vom 19.10.1994.
In der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer am 27. April 1995 in Kiel spricht der Präsi-dent der Kammer Johann Graf zu Rantzau in seiner Ansprache erstmalig davon, dass der Landwirt-schaftskammer drohe, „maßgebliche Aufgaben in Schule und Beratung entzogen zu werden.“.
In der Folge kam es zu langwierigen und heftigen Streitigkeiten zwischen dem Vorstand der Land-wirtschaftskammer, dem Bauernverband und dem Landwirtschaftsministerium, die erst 1999 beige-legt werden konnten.
Im Juni 1997 entscheidet das Landwirtschaftsministerium, dass die Landwirtschaftsschulen zum 01.01.1999 in die Trägerschaft der Landkreise gegeben werden. Die bisherigen Lehr- und Bera-tungskräfte konnten sich zwischen dem Verbleib bei der Landwirtschaftskammer oder der Verset-zung zum Landwirtschaftsministerium und der Abordnung an die für die jeweilige Landwirtschaftsschule zuständige Kreisberufsschule entscheiden. In Bad Segeberg entschieden sich die noch in der Landwirtschaftsschule tätigen Lehrer für den Verbleib im Schuldienst. Damit war der personale Grundstock für die Weiterführung der Landwirtschaftsschule und der Höheren Landbauschule in einer Fachgruppe der Beruflichen Schule des Kreises Segeberg gelegt.
Unter dem Dach der Landwirtschaftsschule an der Hamburger Straße 109 finden die Auszubilden-den im Beruf Landwirt in der beruflichen Erstausbildung und die Fachschüler der einjährigen Fach-schule für Landwirtschaft (Landwirtschaftsschule) und der zweijährigen Fachschule für Landwirt-schaft (Höhere Landbauschule) heute ein umfassendes schulisches Angebot.
Der tiefgreifende Wandel der agrarischen Strukturen während der vergangenen Jahrzehnte spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler der landwirtschaftlichen Klassen wider. Kamen die Schüler und Schülerinnen bis 1990/91 fast ausschließlich aus dem Kreis Sege-berg, erstreckt sich heute das Einzugsgebiet auf das gesamte Schleswig-Holstein bis nach Mecklen-burg-Vorpommern und Niedersachsen, sogar ein Bayer war bei uns.

Ziel der schulischen Aus- und Weiterbildung ist es, die Absolventen zu befähigen:
1. landwirtschaftliche Unternehmen erfolgreich führen,
2. eine qualifizierte Stellung als Mitarbeiter in landwirtschaftlichen Unternehmen ausüben und
3. Tätigkeiten im vor- und nachgelagerten agrarischen Dienstleistungsbereich wahrnehmen zu können.

2010/11 besuchten 61 junge Leute die Landwirtschaftsschule und die Höhere Landbauschule in Bad Segeberg. Dazu kamen 125 Berufsschüler im Beruf Landwirt.
2011/12 haben sich 69 junge Landwirte für die Landwirtschaftsschule und die Höhere Landbauschule angemeldet.
Das rote Backsteingebäude ist auch nach über einem halben Jahrhundert und verschiedenen Erneue-rungen durch den Kreis Segeberg voll den Ansprüchen eines modernen Unterrichts gewachsen.
Möge die Landwirtschaftsschule an der Hamburger Straße in Bad Segeberg auch in Zukunft für viele junge Menschen in Schleswig-Holstein eine feste Größe für eine zukunftsorientierte landwirt-schaftliche Ausbildung sein.


Am 23. Oktober 1911 begann im Obergeschoss der „Harmonie“ der erste landwirtschaftliche Unterricht. Zwei Jahre lang, jeweils zwischen Oktober und März, besuchten die angehenden Landwirte die zweisemestrige Winterschule.
(Archiv Zastrow)


Zwischen 1951 und 1952 wurde diese neue Landwirtschaftsschule in Bad Segeberg an der Hamburgerstraße gebaut. Am 23. April 1952 übergab man das Gebäude feierlich seiner Bestimmung. Die geräumige Aula in diesem Haus nutzte in den ersten Jahren sogar der Kreistag für seine Sitzungen.
Archiv Zastrow

Text: Ernst Walter Meyer, Mözen